// Februar 6th, 2008 // 1 Comment » // Gastartikel, Rollenspiel
Dieser Artikel wurde geschrieben von Mark, der selber ein begeisterter Rollenspieler ist.
Pen & Paper-Rollenspiele kommen ja teilweise mit einer fast schon manisch zu nennenden Detailversessenheit daher, die sich darin äußert, dass der Bestand an Daten und Wissen über die jeweilige Hintergrundwelt derart umfangreich ist, dass ihn kein normaler Mensch je komplett internalisieren kann. Ich meine, wenn die reale Welt in ihren Ausprägungen schon so unüberschaubar geworden ist, dann ist jedes Lernen von Wissen über ein imaginierte Welt ein Zusatzaufwand. Der natürlich durchaus Spaß machen kann, soviel vorneweg.
Diese überbordende Fülle an Details ist zum einem dem ökonomischen Impuls des Marktes geschuldet. Wenn tausende Rollenspieler immer mehr über die Welt wissen wollen, in der sie ihre Abenteuer erleben – und gleichzeitig noch einen Spielcharakter entwickeln wollen – dann ist steter Nachschub an Daten gefragt. Und somit ward das Ressourcenbuch geboren.
In diesen Büchern findet man unzählige Orte, Monster, Waffen, Rüstungen, Schätze, Fallen, Hüte, Mützen, Unterhosen, Stiefel, Krimskrams und alle anderen erdenklichen Sachen. Und die bringen uns zum wirklichen Motor dieser immensen Wissenspools, die sich um jedes Rollenspielsystem bilden. Denn der kollektive Vorgang des Eintauchens in eine imaginierte Welt, wenn wir uns im Geiste das Schwerthalfter umbinden oder den Bogen auf den Rücken schnallen und uns in wahnwitzige Abenteuer stürzen, ist ein rein abstrakter.
Und zugegeben, der Abstraktionsschritt von einem Tisch mit leeren Pizzakartons und Unmengen an zuckerhaltigen Getränken hin zu Zwergenminen und magisch befestigten Burgen ist sehr groß und erfordert einiges an Vorstellungskraft. Und es bleibt nur eines übrig, was als fassbares Objekt dieser Ereignisse und Geschichten wirklich greifbar ist. Ein materielles Ding, das wir mit unseren Händen anfassen können und gleichzeitig die umfassendste Annäherung an das, was wir spielen: unser Charakterbogen.
Der Charakterbogen, eigentlich nur eine profane Auflistung an Daten und Zahlen, deren Aussagekraft sich darauf beschränkt, was wir ihnen zuschreiben. Was wir in ihnen sehen. Die Welt, die dahinter liegt, wenn man es so sagen will. Erst durch unsere Striche auf diesem blanken Papier wird die Welt dahinter lebendig, entstehen Protagonisten und die Geschichten in denen sie leben. Diese Geschichten hinterlassen Spuren, schreiben sich ein in dieses simple Blatt Papier und sind unser einziger Zugriff auf diese Erfahrungen, ganz zu schweigen von den Erfahrungspunkten.
Jeder Rollenspieler weiß, wie sich ein frisch erstellter Charakterbogen anfühlt: noch ohne Leben, eine reine Ansammlung von Strichen, die darauf wartet, mit Leben gefüllt zu werden. Die darauf wartet, dass mit ihr eine Geschichte erzählt wird.
Trotzdem, ein Charakterbogen kann nur in einem begrenzten Kontext seine Geschichte erzählen. Nur wenige wissen zwischen Kaffeerändern und Tintenklecksen zu lesen.
Für alle anderen bleiben diese Geschichten unerzählt.
Dieser Artikel wurde geschrieben von Mark, der selber ein begeisterter Rollenspieler ist.