Das staunende Mädchen
// 7. Dezember 2010 // Kein Kommentar » // August and everything after
Diese Kurzgeschichte habe ich vor etlichen Jahren (mehr als fünf, ich erinnere mich nicht mehr) auf einer anderen Plattform veröffentlicht. Da es diese Plattform so nicht mehr gibt und ich die Geschichte wiedergefunden habe, möchte ich sie Euch nicht vorenthalten. Mit ein paar kleinen Fehlerkorrekturen lest Ihr also nun: Das staunende Mädchen.

Foto von kelp1966 unter folgender Lizenz
Sie war traurig. Traurig, dass sie im Krankenhaus lag. Traurig, dass sie ihre Arme nicht bewegen konnte.
Das Mädchen wollte doch nur über die Weihnachtszeit ein wenig lesen. Sie wollte unbedingt wissen, wer der hinter den bösen Machenschaften in der sagenumwobenen Stadt war.
Doch das Mädchen wurde vor einigen Wochen angefahren. Der Fahrer hatte Fahrerflucht begangen.
Sie war vom Hals abwärts gelähmt. Das Einzige, was sie noch bewegen konnte, war den Kopf.
Es war der 06. Dezember. Nikolaustag. Die Eltern des Mädchens kamen ins Krankenhaus gefahren, um ihrer Tochter eine schöne Zeit zu bescheren. Vater, Mutter und Tochter lachten, machten Späße, erzählten Witze, erfanden Geschichten und träumten von Zauberern, Hexen, magischen Tieren und sprechenden Nashörnern.
Das Nashorn war das Lieblingstier des Mädchens. Sie musste immer lachen, wenn sie das Tier sah und stellte sich vor, wie es wohl aussehen würde, wenn es einen Hut, eine Krawatte und edle Herrenschuhe tragen würde.
Es wurde Abend und die Eltern mussten die Kleine alleine lassen. Dann kam die ganze Trauer in dem Mädchen wieder hoch. Sie wusste, dass es ihr nie wieder gut gehen würde. Sie wusste, sie könnte nie wieder ein Buch lesen. Ihr musste vorgelesen werden. Doch sie hatte es schon als Kind gehasst, vorgelesen zu bekommen. Wenn sie selbst ein Buch las, konnte sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen, konnte sich die Figuren selber vorstellen – das Mädchen erfand gedankliche Welten. Und das wollte sie nicht missen. Doch sie musste.
Der 20. Dezember rückte näher. Die Mutter des Mädchens kam an diesem Tag alleine zu Besuch, da ihr Ehemann beruflich verhindert war.
Als die Mutter die mitgebrachten Blumen in eine Vase stellte, fing das Mädchen an zu weinen: „Mama, ich möchte nicht mehr weiterleben. Es hat keinen Sinn. Ich bin gelähmt und werde nie wieder all die schönen Dinge tun können, die ich sonst so gerne getan habe.
Blumen pflücken, Wolken ansehen, über eine Wiese spazieren, am Strand Sandburgen bauen und sie wieder zu Fall bringen, mit Papa und dir über den Rummelplatz laufen und Riesenrad fahren, Schafe und Kühe beobachten, wie sie Gras fressen. Ich mag gerne die kleinen Dinge des Lebens, die man erst erkennt, wenn man sie nicht mehr erleben kann. Ich bin nun schon seit mehr als zwei Monaten gelähmt und ich habe verstanden, was es heißt, laufen, springen, tanzen und sich bewegen zu können. All die Dinge, die in unserer heutigen Welt nur Nebensache geworden sind – diese Dinge vermisse ich. Mein größter Wunsch ist es, alleine zu lesen. Mama, ich möchte gerne sterben, damit ich auf einer Wolke als Engel den Kindern Gutes tun und sie auf das Wesentliche im Leben aufmerksam machen kann.“
Die Mutter weinte. Nach ein paar Minuten beängstigender Stille sagte sie endlich: „Kind, ich liebe dich und ich wünschte, zu Weihnachten könnte ich dir dein Lachen und deine Beweglichkeit schenken.“ Die Mutter umarmte ihr Kind und vergoss eine Träne, die auf die Nase ihrer Tochter tropfte. Die Träne lief schnell an dem Mädchen hinunter, über ihre Nase, ihren Mund…
Es war der 24. Dezember. 20:00 Uhr. Die Eltern des Mädchens waren gerade in der Cafeteria des Krankenhauses Plätzchen holen, als im Zimmer des Mädchens plötzlich das Licht erlosch. Die Gardinen am offenen Fenster wehten und ein Luftzug glitt durch den Raum. Doch es wurde nicht winterlich kalt, es wurde warm. Das Mädchen drehte ihren Kopf in alle Richtungen, um zu sehen, was passiert war. Auf einmal hörte sie eine Stimme aus dem Nichts: „Hallo kleines Mädchen. Ich weiß, was dein größter Wunsch ist und ich weiß, welch große Taten du als Engel vollbringen möchtest. Doch deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du wirst irgendwann einmal zu einem wunderschönen Engel, einem lieben Engel, der sich um die Menschheit kümmert und allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Männern und Frauen die Kindheit zurück gibt. Ich werde nun einen Wunsch erfüllen. Nicht deinen Wunsch, sondern den Wunsch deiner Mutter. Lauf kleines Mädchen, lauf und staune. Denn Staunen in dieser Welt kommt oft viel zu kurz. Staune über Vögel, wie sie fliegen; über Bäume, die so hoch wachsen; über den Schnee, der die Welt glitzern lässt und vor allem – zeige all deinen Freunden, was es heißt, zu Staunen. Ich werde dich nun wieder verlassen. Du bist ein tolles Mädchen!“
Die Stimme verklang im Hall, das Licht erstrahlte wieder und die Vorhänge fielen der Schwerkraft entgegen.
Doch nun geschah etwas Sonderbares. Das Mädchen stand auf. Sie traute sich nicht so recht, aber… Sie lief. Das Mädchen lief. Es konnte gehen! Die Eltern des Mädchens traten in das Zimmer.
Nach einigen verwirrenden Erklärungen tanzte die Familie im Zimmer umher, lief auf und ab und lachten mit feuchten Augen.
Die Familie staunte!
Als die Krankenschwester das Zimmer des Mädchens ein paar Tage später betrat, fand sie auf der Fensterbank einen roten Stofffetzen. Die Schwester fühlte ein Kribbeln in ihren Fingern. Und auf einmal roch sie etwas: sie roch Zimt, Vanille und Schnee. Alles auf einmal. Der Geruch kam von diesem Stofffetzen. Die Krankenschwester – staunte…






